Kompensation technologieinduzierter Defizite

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Einleitung

Bevor auf Kanalreduktions-Probleme und Maßnahmen zu ihrer Kompensation eingegangen werden kann, muss zunächst der Begriff computervermittelte Kommunikation (CMC) erklärt werden. Pelz (1995) sieht die computervermittelte Kommunikation als einen Oberbegriff für unterschiedliche Anwendungsformen der elektronischen Übermittlung, Speicherung und des Abrufs von elektronischen Nachrichten durch Menschen über miteinander vernetzte Computer. Dabei fungieren die Computer als Kommunikationsmedien. Die Benutzer senden Nachrichten beispielsweise in Form einer E-Mail oder eines Newsgroup-Beitrags an ein Netzwerk mit verschiedenartigen Diensten (Internet, Intranet, Extranet). Abhängig vom Dienst sind die Nachrichten dann entweder für ein mehr oder weniger großes Publikum verfügbar, oder sie werden nur an einen bestimmten Empfänger bzw. an eine Gruppe von Empfänger weitergeleitet.

Mittlerweile wird die computervermittelte Kommunikation aus sozialpsychologischer Perspektive erforscht. Dabei lassen sich jene Aspekte der Internet-Nutzung und –Wirkung an der Schnittstelle von Psychologie und Soziologie in den Blick nehmen, die auf der Ebene des individuellen Erlebens und Verhaltens im sozialen Kontext angesiedelt sind. Diese Kanalreduktion bezieht sich auf ein spezifisches Medienmerkmal von computervermittelter Kommunikation, das den Kommunikationsprozess maßgeblich beeinflusst. Durch Wegfall der Kanäle wird diese Kommunikationsform im Vergleich mit der direkten Kommunikation, Face-to-Face-Kommunikation, als defizitär und emotionslos angesehen.

Computervermittelte Kommunikation versus Face-to-Face-Kommunikation

Als natürliche Grundform zwischenmenschlicher Kommunikation gilt die Face-to-Face-Kommunikation. Dabei kommen die Kommunikationspartner zur gleichen Zeit am gleichen Ort zusammen und tauschen verbale, paraverbale sowie nonverbale Botschaften aus. Potenziell sind bei der Face-to-Face-Situation alle Sinnesmodalitäten involviert: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Im Gegensatz dazu läuft die computervermittelte Kommunikation in erster Linie textbasiert ab: Man tippt auf der Computertastatur und liest vom Computermonitor ab. Dabei lassen sich Bilder und Töne auch als Ergänzungsmittel einsetzen. Nicht-textbasierte Kommunikation wie etwa Internet-Telefonie und Internet-Videokonferenz kommt einem persönlichen Kontakt zwar am nächsten, aber sie findet nur geringe Verbreitung. Außerdem bezieht sich das Konzept der computervermittelten Kommunikation vor allem auf textbasierte Online-Kommunikation. Demzufolge werden hier die gerade genannten Telekommunikationsformen Internet-Telefonie und Internet-Video-Konferenz nur bedingt miteingeschlossen.

Kanalreduktionsmodell

Wenn man computervermittelte Kommunikation und Face-to-Face-Kommunikation vergleicht, macht die Kanalreduktion bei der computervermittelten Kommunikation den größten Unterschied aus. Die beiden Kommunikationsformen werden durch die Anzahl der Kanäle bewertet, die den Kommunizierenden zugänglich sind. Als Standard gilt die Face-to-Face-Situation, wobei alle Kanäle vorhanden sind. Demgegenüber sind bei der computervermittelten Kommunikation zahlreiche Sinneskanäle weggefallen. Die paraverbalen, nonverbalen sowie die über den „reinen“ Gesprächsinhalt hinausgehenden Sinneseindrücke sind alle ausgeschlossen z.B. Gestik, Mimik, Tonfall, Geruch, Geschmack, Berührung usw. Deswegen betrachtet man die computervermittelte Kommunikation im Vergleich zur Face-to-Face-Kommunikation als mangelhaft und unpersönlich.

Schon im Jahre 1977 haben Turoff und Hiltz beschrieben, wie defizitär die computervermittelte Kommunikation ist. „The most obvious are the need for typewriting and the lack of eye contact, facial expressions, gestures, and verbal intonations that lend so much richness to face-to-face and even telephone conversations.“ (Turoff & Hiltz 1977, S.60) Das begründet sich darauf, dass die computervermittelte Kommunikation meist textbasiert geschieht und daher verschiedene Kanäle gar nicht oder nur schwach übertragen werden. Deswegen führt die Kanalreduktion zu einer Verarmung der Kommunikation und zu einer Reduktion der gemeinsamen Handlungsmöglichkeiten der Kommunikationspartner. Ent-Sinnlichung, Ent-Emotionalisierung, Ent-Kontextualiserung oder sogar Ent-Menschlichung (Bleuel, 1984; Eurich, 1983; Kubicek & Rolf 1986, S.263ff.; Mettler-von Meibom 1994, S. 18f.; Volpert 1985, S. 94) sind Stichwörter, die den defizitären Charakter der textbasierten computervermittelten Kommunikation kennzeichnen. Da diese Art der Verständigung zusätzlich asynchron ablaufen kann und auch geografische Distanzen überwindet, lassen sich die Aspekte Ent-Räumlichung und Ent-Zeitlichung ergänzen (Herrmann, 1994). Diese Entleerung der Kommunikation wird unter dem Begriff Ent-Wirklichung (Raulet, 1992) umfassend beschrieben.

Kritik am Kanalreduktionsmodell unterscheidet Döring in schwache und starke Kritik. Bei der schwachen Kritik werden die Probleme, die vermeintlich damit einhergehen, in der Tat gesehen. So wird häufig in Netiquetten (den expliziten Verhaltensregeln zur Online-Kommunikation) dazu aufgefordert, nicht den Menschen hinter dem Text zu vergessen. Es wird also zur erhöhten Aufmerksamkeit bei der Auseinandersetzung mit "kanalreduzierten" Texten aufgefordert. Zweitens wird der Sinn von Kompensationen wie etwa Emoticons und Sound- bzw. Aktionswörtern im Kanalreduktionsmodell entweder negiert oder für gering erachtet. Dies stellt aber insgesamt nur eine schwache Kritik an der Kanalreduktionsargumentation dar, welche im Grunde die Beschränktheit medialer Kommunikation im Vergleich zu Face-to-Face-Situationen akzeptiert.

Die starke Kritik betrachtet die Face-to-Face-Kommunikation an sich als eine ganzheitliche und menschliche Interaktion und negiert nicht nur deren spezifische Restriktionen (siehe Liste 1), sondern auch den Informationswert nonverbaler Botschaften. Zugleich sei die Telekommunikation, insbesondere die computervermittelte Kommunikation, immer mit einer Beschränkung der Ausdrucksmöglichkeiten verbunden. Außerdem können etwa Emoticons bzw. Aktionswörter als „genuin neue expressive Meta-Botschaften“ begriffen werden und nicht als unzureichende Kompensation (vgl. Döring 2003, S. 152).

In Face-to-Face-Interaction…

  1. All members are linked in all modalities with 0 time lag.
  2. One and only one person has the floor at only one time. Except for momentary silences, someone is always holding the floor.
  3. Speakers exercise some control over who the next speaker will be, as well as when they can interrupt.
  4. Group members share floor time unequally.
  5. Speakers cannot pause too briefly or for too long a time (hence few interruptions, few silences).
  6. Speakers signal transitions using multiple cues in different modalities or channels.
  7. The audience for each act is all, but only, the set of participants present.
  8. The set of potential next speakers is all, but only, the set of participants present.
  9. There is no anonymity in face-to-face groups.
  10. Group members expect each input to be logically or psychologically connected to preceding or anticipated inputs.

Liste 1: Restriktionen bei der Face-to-Face-Kommunikation (nach McGrath & Hoolingshead 1990, S.35)

Das Kanalreduktionsmodell ist technikdeterministisch ausgerichtet. Die dabei genannte Entfremdung und Distanz erlebt man tatsächlich bei der alltäglichen Mediennutzung, was ernst zu nehmen ist. Sie können neugierige und konstruktive Medienaneignung erschweren und sogar verhindern. Demzufolge ist es wichtig, individuelle und gruppenspezifische Vorbehalte und Befürchtungen aufzugreifen. Ideal sind zielgruppenspezifische Angebote zur Internet-Aneignung, die Medienkompetenz steigern und positive Nutzungserfahrungen ermöglichen, weil Grenzen der Face-to-Face-Kommunikation thematisiert und Chancen medialer Schriftlichkeit ausgeschöpft werden. Weiterhin ist auch sinnvoll, die Grenzen medialer Kommunikation bzw. Kommunikationsbereitschaft zu beachten, das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit zu respektieren und nicht-mediale Kommunikationsgelegenheiten zu fördern. (vgl. Döring 2003, S. 154)

Herausfiltern sozialer Hinweisreize

Auf der Grundidee des Kanalreduktionsmodells aufbauend, geschieht bei der computervermittelten Kommunikation ein Herausfiltern von „sozialen Hinweisreizen“: Mit einer Verringerung der Kommunikationskanäle ist ein Informationsverlust verbunden, der die Wahrnehmung des Gegenübers verändert. Die nonverbalen vor allem visuell vermittelten Hintergrundinformationen haben im Alltag einen entscheidenden Einfluss darauf, wie man eine andere Person auf den ersten Blick einschätzt und ob und wie man überhaupt mit ihr in Kontakt kommt. Aber bei der computervermittelten Kommunikation sind diese Hintergrundinformationen (Alter, Aussehen, Bildung, Status, Vermögen usw.) alle ausgeblendet. Hier beschreibt man die Beziehung zu einer anderen Person durch einen Nivellierungseffekt: „Weder die imposante Gestalt, noch die laute Stimme oder die elegante Kleidung schaffen in CvK-Szenarien einen Kommunikationsvorteil.“ (Döring 2003, S.155)

Außerdem können andere Probleme auftreten, so etwa kann der Empfänger die Implikatur (Grice, 1993) des Senders nicht unbedingt genauso wahrnehmen. Die Implikatur erlaubt es einem Sprecher, mehr als seine Wörter zu kommunizieren. Es ermöglicht ihm das Gesagte kontextuell anzureichern, indem er etwas impliziert. Dies ist bei der Kommunikation im Internet umso schwieriger, weil sich Austauschprozesse und Beziehungen hier ganz anders gestalten, als in der verbalen Kommunikation.

Kompensationsmaßnahmen

Die veränderten Umstände bei der Interaktion über moderne Medienkanäle bedingen ein verändertes Kommunikationsverhalten. Es rücken einige Kompensationsmaßnahmen der Nutzer ins Blickfeld, um Restriktionen kanalreduzierter Kommunikation auszugleichen.

Soziale Informationsverarbeitung

„[A]us Sicht der Theorie der sozialen Informationsverarbeitung [ist] das Internet ein neuer sozialer Handlungsraum, in dem Menschen auf kreative Weise Gefühle ausdrücken, Beziehungen realisieren und soziale Fertigkeiten erlernen, ohne dass dabei automatisch Kommunikationsstörungen und Beziehungsverarmung resultieren müssen.“ (Döring 2003, S. 163) Das Modell der sozialen Informationsverarbeitung geht davon aus, dass die aufgeführten Defizite verbalisiert und somit kompensiert werden können. Die nonverbalen Informationen z.B. Emotionalität, psychologische Nähe, Gestik und Mimik können durch andere Weise – durch Textzeichen – ausgedrückt werden. Die Mediennutzer entwickeln neue soziale Fertigkeiten bei der Textproduktion und –interpretation, um eine befriedigende Kommunikation zu realisieren. Es muss folglich nicht zur medienbedingten Verarmung der Kommunikation kommen.

Die Kommunikationspartner konzentrieren sich demgemäß nicht auf die fehlenden, sondern auf die medial verfügbaren sozialen Hinweise, erleben auf dieser Basis verschiedene Grade psychologischer Distanz zum Gegenüber und reagieren auf dieses Erleben, wodurch sie sich unterschiedlich verhalten und daran anpassen. In diesem Sinne werden mediale Einschränkungen kompensiert. Indem die Bedeutung des medialen Kommunikationsverhaltens auf Defizit-Kompensation zugespitzt wird, übt das Modell der sozialen Informationsverarbeitung nur „schwache Kritik“ am Kanalreduktionsmodell.

So können nonverbale Eindrücke durch Emoticons, Sound- und Aktionswörter unterstützt werden. Der geschickte Einsatz ermöglicht, dass tatsächlich Gefühle kommuniziert, sinnliche Eindrücke erzeugt werden.

Die folgende Tabelle 1 (nach Weinreich, 1997, S.15) bietet einen Überblick über die Kompensationsmöglichkeiten an.

Tabelle 1.jpg

Derartige Substitute können zwar nicht die Ausdrucksmöglichkeiten menschlicher Mimik und Gestik ersetzen, aber Limitationen der computervermittelten Kommunikation sind mit ihrer Hilfe teilweise auszugleichen. Im Folgenden werden Emoticons, Soundwörter, Aktionswörter, Akronyme/Slang-Akronyme und Textdekorationen genau aufgezeigt.

a) Emoticons (engl. „emotion“: Gefühl): Einfache, mit der Tastatur erzeugbare Bildchen, die Gefühle ausdrücken, auch „Smileys“ genannt.

Die Tabelle 2 zeigt die gebräuchlichsten Arten der Emoticons. Dabei gibt es Standardformen, Kurzformen zur Vereinfachung und die entsprechenden Bedeutungen.

Tabelle 2.jpg

Die meisten Emoticons sind bildlich und klar. Aber einige, beispielsweise die für "Wahnsinn" und "Enttäuschung", können nicht auf den ersten Blick entschlüsselt werden. Aber normalerweise verwendet man die Emoticons im Kontext, aus dem die Bedeutung erschlossen werden kann. Jedoch ist es unerlässlich, dass der Empfänger die Emoticons richtig wahrnimmt.

b) Soundwörter: Beschreibungen einer Handlung durch eine Lautsimulation, weshalb von Soundwörtern gesprochen wird. Diese bestehen teilweise aus isolierten Verbstämmen und teilweise aus Geräuschbeschreibungen. Beispiele: „lach“, „gähn“, „seufz“, „mampf“: essen, „grrrr“: Wut, „fomp“: Bierflasche öffnen.

c) Aktionswörter: Sie drücken eine ausgeführte Handlung aus und sind fast immer isolierte Verbstämme. Beispiele: „schnapp“, „würg“, „kicher“, „erschreck“.

d) Akronyme/Slang-Akronyme: Dabei versucht man die Effizienz beim Tippen auf der Tastatur zu optimieren. Einige der bekanntesten Akronyme und Beispiele von utopisch anmutenden Akronymbildungen zeigt Tabelle 3.

Tabelle 3.jpg

Im Falle von hochspezialisierten Akronymen, wie etwa den letzten beiden, die ganz kompliziert und schwer zu entschlüsseln sind, kann man gar nicht von Effizienz reden. Allerdings muss es von einer kulturellen Bedeutung ausgehen. Hierbei ist ein gemeinsames Verständnis der Kommunikationspartner über die Bedeutung der Zeichen für eine erfolgreiche Kommunikation grundlegend. Das gilt auch für die gerade erwähnten Emoticons, Sound- und Aktionswörter.

e) Textdekorationen: Obwohl nonverbale kommunikative Zeichen bei der computervermittelten Kommunikation fehlen, geschieht dennoch nonverbale Kommunikation. An die Stelle der Körperdekoration wie etwa Frisur, Rasur, Schmuck, Kleidung tritt die Textdekoration beispielsweise durch Einsatz von Textfarben, Hintergrundfarben, Hintergrundmustern sowie Formatierungen.

Darüber hinaus spielt die Zeit in der computervermittelten Kommunikation eine wichtige Rolle. In der asynchronen Kommunikation beeinflussen neben Antwortlatenzen auch die Absendezeiten (z.B. morgens, mittags, abends oder nachts) die Wahrnehmung von Dringlichkeit oder Intimität kommunikativer Botschaften. In der synchronen Kommunikation signalisiert promptes Antworten Aufmerksamkeit und Zuwendung. Aber normalerweise ist dies nicht der Fall, denn die netztechnisch bedingten Verzögerungen bringen dabei auf der Ebene der Chronemik deutliche Interpretationsprobleme mit sich: Ist das Netz gerade überlastet und meine Äußerung noch nicht angekommen? Kann die andere Person nur langsam tippen? Überlegt sie sich die Antwort so gründlich? Ist sie gleichzeitig in andere Chat-Dialoge vertieft? Hat sie das Interesse an der Kommunikation mit mir verloren? Ist sie verärgert? Freilich können solche Unsicherheiten im Zuge wechselseitiger Fragen („komme ich bei dir auch so langsam an“) und Hinweise („ich muss gerade mal auf die Toilette“) reduziert werden. Ob und unter welchen Umständen sich die Strapaze umfassender Explizierungen übernehmen lassen, ist jedoch eine empirische Frage.

Kocks kompensatorisches Adaptionsmodell (Kock 1998, 2001b)

Kock ergänzt das Modell der sozialen Informationsverarbeitung durch sein kompensatorisches Adaptionsmodell. Es geht davon aus, dass noch weitere, nicht-emotionale Restriktionen der computervermittelten Kommunikation durch aktives und bewusstes Nutzerverhalten kompensiert werden. So durchdenken erfahrene Netznutzer ihre Beiträge von vornherein besser, präventiv um Missverständnissen zu begegnen, die durch die geringe soziale Präsenz entstehen können.

Im Rahmen einer Studie konnte Kock (Kock 1998, 2001b) folgendes feststellen: 12 aus 5 bis 15 Mitgliedern bestehende akademische Arbeitsgruppen sollten per Mailingliste über Verbesserungsmöglichkeiten der Arbeitsqualität an ihren Universitäten diskutieren. Die virtuellen Arbeitsgruppen benötigten längere Antwortzeiten und erstellten durchschnittlich sechs Wörter pro Minute. In den Face-to-Face-Gruppen wurden dagegen 113 Wörter pro Minute bei kürzeren Antwortzeiten produziert. Dennoch waren die Beiträge der virtuellen Gruppen länger und informativer als die der anderen, weil sie möglichen Missverständnissen vorbeugen wollten. Als Fazit wurde von den Teilnehmern gezogen, dass der computervermittelte Wissensaustausch effektiver verlief, als der in Face-to-Face-Gruppen. Informationsarme Medien (z.B. E-Mails) können also in bestimmten Situationen die reichen Medien sogar übertreffen. Den Nutzern muss die Informationsarmut des Mediums jedoch bewusst sein, damit sie zu einem informationsreicheren Kommunikationsverhalten motiviert werden.

Wie ein informationsreicheres Kommunikationsverhalten aussehen sollte, hängt von der Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern, vom Thema sowie vom Vorwissen ab. Um Kommunikation nicht nur im Sinne von Informationsaustausch, sondern auch im Sinne von Verständigung durchzuführen, müssen sich die Kommunikationspartner generell auf das jeweilige Gegenüber einstellen. Um genauer eigene Äußerungen für das jeweilige Gegenüber zu erläutern, kann man dabei verschiedene Heuristiken verwenden: Gehört das Gegenüber zu einer relevanten sozialen Gruppe, der man auch angehört, sind die ausgetauschten Botschaften gespeichert und zugreifbar.

Der Umstand, dass die eigenen Äußerungen wortwörtlich allen an der Kommunikation Beteiligten vollständig vorliegen, kann zu einer Täuschung über die Klarheit von Aussagen führen. Man bleibt der eigenen, scheinbar eindeutig nachvollziehbaren Perspektive verhaftet und ist sich weniger darüber bewusst, dass andere die eigene Textproduktion möglicherweise nicht ganz verstehen oder gemäß ihren Vorkenntnissen in ganz anderer Weise interpretieren. Demzufolge ist es sinnvoll, wenn gezielt Maßnahmen zur Optimierung der Publikumsanpassung eigener Äußerungen erfolgen, insbesondere bei Wissensdiskrepanzen, wie sie etwa in Dialogen zwischen Lehrenden und Lernenden bzw. zwischen Experten und Laien typisch sind.

Voraussetzungen

Das Modell der sozialen Informationsverarbeitung und die anderen Kompensationsmaßnahmen können die Defizite wegen der Kanalreduktion bei der computervermittelten Kommunikation zwar ausgleichen, aber Medienkompetenz, Motivation, genügend Zeit werden hierfür vorausgesetzt.

a) Medienkompetenz

Döring (vgl. Döring 1999, S. 24) gliedert die notwendige Medienkompetenz in folgende Teilbereiche:

  1. Technische Kompetenz: Hardware auswählen, System und Software installieren, Software bedienen, sowie ihre Funktionen beherrschen usw.
  2. Orientierungskompetenz: Zurechtfinden im "Daten-Meer", recherchieren, selektieren von Daten usw.
  3. Gestaltungskompetenz: „Erschaffen“ einer Online-Identität, Designen einer Homepage usw.
  4. Soziale Kompetenz: (Kommunikations-)Kultur und soziale Regeln sowie Normen in den jeweiligen Newsgroups, Chats oder Mailing-Listen erkennen und einhalten, adäquate Kommunikationsprozesse entwickeln.
  5. Selbstmanagement-Kompetenz: autodidaktische Aneignung von (technischen) Fertigkeiten, kritische Reflexion der Netznutzung, usw.

Daran kann man sehen, dass Medienkompetenz nicht nur die bloße Beherrschung der technischen Funktionen der Medien darstellt, sondern soziale und auch individuelle Aspekte hat. Demzufolge ist es wichtig, gezielte medienpädagogische Maßnahmen zu ergreifen bzw. anzubieten, um weitgehende Medienkompetenz herzustellen oder beizubehalten.

b) Motivation

Die Nutzer müssen sich die Mühe machen, beispielsweise netzspezifische Ausdrucksmittel einzusetzen oder auf verbalem Weg ausführliche Erklärungen abzugeben.

c) Genügend Zeit

Bei der computervermittelten Kommunikation wird in der Regel mehr Zeit benötigt als in Face-to-Face-Situationen. Denn nicht nur dauert die verbale Kommunikation schriftlich länger als die mündliche, sondern auch paraverbale und nonverbale Botschaften erfordern zusätzliche Zeit. Die werden in Face-to-Face-Situationen zugleich mit den verbalen Äußerungen präsentiert. Aber bei der computervermittelten Kommunikation muss man solche Informationen explizit in Worte bzw. alphanumerische Zeichen fassen, was natürlich mehr Zeit kostet.

Zusammenfassung

Menschen verhalten sich bei der computervermittelten Kommunikation deutlich anders als in Face-to-Face-Situationen, damit die medialen Einschränkungen aktiv kompensiert werden können. Das Modell der sozialen Informationsverarbeitung weist technikdeterministische Defizit-Modelle zurück und betont die Möglichkeiten der Nutzer, einander auch bei der computervermittelten Textkommunikation umfassend und ausreichend über Gefühle oder Lebensumstände zu informieren. Maßnahmen wie kreative Ausdrucksmittel (z.B. Emoticons, Soundwörter) ermöglichen eine partielle Substitution verbaler Kommunikationsweisen. Aber ein gemeinsames Verständnis über die Bedeutung der oft kulturgebundenen Zeichen ist dabei für die Interaktion notwendig. Genügend Zeit, Motivation und Medienkompetenz werden hierfür jedoch vorausgesetzt.

Kocks Studien zeigen, dass textbasierte Kommunikation in bestimmten Kontexten sogar effizienter ist als die Face-to-Face-Kommunikation. Vor allem für global verteilte Wissensaustauschpartner ist dies ein interessanter Aspekt. Unterschiedliche Formen nicht-expliziten Wissens kann man besser durch teilnehmende Beobachtung oder das „Story-Telling“ vermitteln. Dennoch bleibt festzustellen, dass dieser Vorteil nicht für alle Wissensarten funktioniert.

Auffällig ist die Tendenz kulturpessimistischer Stimmen, der Netzkommunikation ihre (tatsächlichen oder vermeintlichen) Abweichungen von der Face-to-Face-Kommunikation vorzuwerfen, ohne jedoch ihre zahlreichen Übereinstimmungen mit der (kulturell hoch geschätzten) Brief- und Buch-Kommunikation in die Bewertung einzubeziehen. Vergleichbar einer Lektüre eines Buchs entstehen im Kopf des Rezipienten unwillkürlich Bilder, deren Validität nicht aufgeklärt werden kann. Nach Döring fördern die aufgrund der Kanalreduktion fehlenden primären sozialen Hinweisreize den Prozess der Imagination. Phantasie, Kreativität und Vorstellungsvermögen werden verstärkt eingesetzt. "Durch aktive Imagination, die durch bewusste und unbewusste Informationsfilterung und Informationsgewinnung auf Seiten des Rezipienten geprägt ist, verbindet sich mit einer Reduktion der Sinneskanäle oftmals eher eine Steigerung als eine Verarmung des Empfindens.“ … „Die Aussicht auf eine längere Kommunikationsbeziehung und das Vorhandensein positiver Erwartungshaltungen gegenüber Kommunikationspartnern, die wir noch nicht kennen, sorgen für die Entstehung eines besonders positiven Eindrucks, der im Face-to-Face-Kontext durch dissonante Nebensächlichkeiten womöglich getrübt wäre. Diese positive Erwartungshaltung und damit einhergehende Freundlichkeit wird vom Gegenüber wiederum mit entsprechend entgegenkommenden Reaktionen beantwortet, was die positive Imagination bestätigt. Unsere Imagination kann im Zuge computervermittelter Wahrnehmung anderer Personen die soziale Wirklichkeit also unter bestimmten Bedingungen produktiv aufwerten.“ (Döring 2003, S. 170)

Aber besonders harte Kritiker bestehen noch auf der Einzigartigkeit der Face-to-Face-Situation als ganzheitlicher, restriktionsfreier, menschlicher und emotional warmer Art der Kommunikation. Die computervermittelte Kommunikation kann nicht als äquivalent zur Face-to-Face-Kommunikation angesehen werden, ist jedoch gerade aus einer global verteilten und schnelllebigen (Wirtschafts-)Welt nicht mehr wegzudenken.

Literatur

Bleuel, H.P. (1984): Die verkabelte Gesellschaft. München: Kindler.

Döring, Nicola (2003): Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Göttingen: Hogrefe. S. 127-198.

Eurich, C. (1983): Das verkabelte Leben. Reinbek: Rowohlt.

Grice, H. Paul (1993): Logic and Conversation. In: Cole; Morgan (Hg.): Speech acts (=Syntax and Semantics, 3), S. 41-58.

Herrmann, Th. (1994): Loss of Situative Context and its Relevance for Computer Mediated Communication and Cooperation. In: Clement, A.; Kolm, P.; Wagner, I. (Hg.) (1994): Net-WORKing: connecting workers in and between organizations. Amsterdam: North-Holland. S. 87-96.

Kock, N. (1998): Can a Leaner Medium Foster Better Group Outcomes? A Study of Computer-Supported Process Improvement Groups. In: Khosrowpour, M. (Hrsg.): Effective Utilization and Management of Emerging Information Technologies. Hershey, PA: Idea Group Publishing. S. 22-31.

Kock, N. (2001b): Compensatory Adaptation to a Lean Medium. An Action Research Investigation of Electronic Communication in Process Improvement Groups. In: Transactions on Professional Communication 44(4), S. 267-285.

Kubicek, H.; Rolf, A. (1986): Mikropolis. Mit Computernetzen in die „Informationsgesellschaft“. Pläne der Deutschen Bundespost, Wirtschaftliche Hintergründe, Soziale Beherrschbarkeit, Technische Details. Hamburg: VSA-Verlag.

Mettler-von Meibom, B. (1994): Kommunikation in der Mediengesellschaft. Tendenzen – Gefährdungen – Orientierungen. Berlin: Edition Sigma.

Pelz, Jan (1995): Gruppenarbeit via Computer. Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang.

Raulet, G. (1992): Soziokulturelle Auswirkungen moderner Informations- und Kommunikationstechnologien in Frankreich. In: Hörisch, J.; Raulet, G. (1992): Sozio-kulturelle Auswirkungen moderner Informations- und Kommunikationstechnologien. Der Stand der Forschung in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich. Frankfurt am Main: Campus. S. 13-82.

Turoff, Murray; Hiltz, Starr R. (1977): Meeting Through Your Computer. Information exchange and engineering decision-making are made easy through Computer-assisted conferencing. In: Spectrum (1977), Mai, S. 58–64. http://eies.njit.edu/~turoff/Papers/mtyc.pdf (letzter Zugriff: 20.04.2007)

Volpert, W. (1985): Zauberlehrlinge. Die gefährliche Liebe zum Computer. Weinheim und Basel: Beltz.

Weinreich, F. (1997): Moderne Agoren. Nutzungsweisen und Perspektiven von Mailboxsystemen. Wiesbaden: Deutscher Universitäts Verlag.