Kooperatives Lernen im Internet

Aus InfoWissWiki - Das Wiki der Informationswissenschaft
Wechseln zu: Navigation, Suche

Einleitung

Der Einzug des Internets in den Bildungssektor war schon Gegenstand vieler Diskussionen. Die Idee, das WWW als Lernplattform zu nutzen, ist nicht neu und wurde schon vielfach umgesetzt. Diese Tatsache wirft gleichzeitig viele Fragen auf: wie ist der aktuelle Stand der Forschung, welche Qualität haben die Lernumgebungen im Internet, in welchem Verhältnis steht das Internet–basierte Lernen zum herkömmlichen Lernen, werden die alten Lehrformen nur reproduziert oder entstehen völlig neue Lehr- und Lernmethoden, und welche Vorteile bringt das Lernen mit dem neuen Medium mit sich?

"Kooperatives Lernen im Internet" beschreibt ein sehr komplexes und weitreichendes Thema. Unter "kooperatives Lernen im Internet" versteht man das Lernen in Gruppen von zwei oder mehreren Personen unter Zuhilfenahme des Mediums Internet. Dabei gibt es große Unterschiede in der Wahl der internetbasierten Technologien und deren Nutzung, und Unterschiede in der Form und Ausprägung der Zusammenarbeit der jeweiligen Gruppenmitglieder.

In der Literatur taucht der Begriff "kooperatives Lernen" oft zusammen mit dem Begriff "kollaboratives Lernen" auf oder wird gar mit diesem synonym verwendet.

Kooperatives Lernen vs. kollaboratives Lernen

Zu kooperativem Lernen herrscht ein „begriffliche[r] Wildwuchs“ (ARNOLD 2003). Die Begriffe kooperatives Lernen, kollaboratives Lernen, Gruppenlernen und Teamlernen werden parallel verwendet oder sind zum größten Teil synonym (ARNOLD 2003). Diesen Schluss lassen auch die verwendete Literatur und die vielen Online-Quellen zu.

Kollaboratives Lernen

Im deutschsprachigen Raum werden die beiden Begriffe „kooperativ“ und „kollaborativ“ synonym verwendet. Eine Ausnahme bildet lediglich die Verwendung der Begriffe „cooperative“ und „collaborative“ in der englischsprachigen Forschung, wo nämlich, so erklärt Patricia ARNOLD, zwischen beiden Begriffen unterschieden wird. Hierbei ist der Grad der Arbeitsteilung und der Zusammenarbeit ausschlaggebend. Beim „collaborative Learning“ herrscht demnach eine sehr enge Zusammenarbeit, die auf einer geringen Arbeitsteilung basiert, d.h. es wird sehr wenig individuell gearbeitet.

Die Gruppe von Lernenden verfolgt zusammen das Ziel, einen gemeinsamen Wissensstand zu erarbeiten. Dies geschieht natürlich dann am besten, wenn sich alle Teilnehmer auf derselben Stufe des Wissens, das zum Lösen eines gewissen Problems benötigt wird, befinden, bzw. ein gemeinsames Verständnis der vorliegenden Aufgabe aufweisen. REINMANN-ROTHMEIER & MANDL (2002) geben folgende Definition dazu:

„Der Begriff „Kollaboration“ ist im Deutschen zwar durch den Zweiten Weltkrieg negativ belegt, hat sich jedoch in deutschsprachigen Publikationen zu kollaborativem Lernen fest etabliert und fungiert als direkte Übersetzung des englischen Begriffs „collaboration“. Was Kollaboration von Kooperation in der englischsprachigen Literatur unterscheidet, ist die Akzentuierung der Wissensteilung und der gemeinsamen Wissenskonstruktion gegenüber der bei der Kooperation fokussierten Arbeitsteilung.“

Auch hier werden wieder die Wissensteilung und die gemeinsame Wissenskonstruktion als Maß für den Grad der Unterscheidung herangezogen. ROSCHELLE & BEHREND (1995, S.70) definieren „kollaboratives Lernen“ wie folgt:

„Collaboration is a coordinated, synchronous activity that is a result of a continued attempt to construct and maintain a shared conception of a problem.”

Kooperatives Lernen

Das „kooperative Lernen“ hingegen beschreibt die Variante, bei der eine Zusammenarbeit mit einer hohen Arbeitsteilung im Fokus liegt, d.h. der Grad der individuellen Arbeit kann durchaus variieren. Es muss nicht unbedingt ein gemeinsames Ziel verfolgt werden, sondern die Gewichtung liegt eher auf der Interaktion der Gruppenmitglieder miteinander. Zwei oder mehrere Personen können sich zum gemeinsamen Lernen zusammenfinden, obwohl sie sich nicht auf derselben Erkenntnisstufe befinden. Das gemeinsame Lernen kann in diesem Fall ein Projekt sein, an dem jeder zu einem unterschiedlichen Teil sein Wissen beisteuert. Die individuelle Teilnahme kann folglich stark variieren.

DILLENBOURG (1999a):

„Kooperatives Lernen ist eine Situation, in der zwei oder mehr Menschen zusammen lernen oder dies anstreben“.

Der große Unterschied zwischen den beiden Begriffen wird also deutlich sichtbar. ARNOLD (2003) bemerkt:

„Entsprechend werden alle Formen kooperativen Lernens, unabhängig vom Grad der Arbeitsteilung und Strukturiertheit mit „kooperativ“ als integrierendem Oberbegriff für verschiedene Arten des gemeinsamen Lernens in Teams, Gruppen oder größeren Gemeinschaften bezeichnet“.

Da die Unterscheidung zwischen kooperativem Lernen und kollaborativem Lernen leicht nachvollziehbar und klar verständlich ist, wirft diese Definition einen Punkt der Kritik auf. Um wissenschaftlich klare Aussagen treffen zu können, muss klar und trennscharf zwischen beiden Begriffen unterschieden werden können. Da die Lerngemeinschaften sich nach Form, Größe und Intention unterscheiden, sind sie leicht als kooperativ oder kollaborativ einzuteilen. Abschließend bleibt zu sagen, dass eine Differenzierung hinsichtlich der beiden Begriffe nicht nur im Englischen sinnvoll erscheint.

Die Lerntheoretischen Ansätze

Patricia ARNOLD entscheidet sich „[v]on den zahlreichen Ansätzen zur theoretischen Modellierung menschlicher Lernprozesse“ für die „subjektwissenschaftliche Lerntheorie“ HOLZKAMPs (1993) und den „Ansatz des situierten Lernens in ‚Communities of Practice’“ nach LAVE & WENGER (LAVE & WENGER 1991, WENGER 1998) als heuristischen Rahmen Ihrer Untersuchung. Die Wahl dieser beiden lerntheoretischen Ansätze wird in ihren jeweiligen Ansätzen begründet. Beide sehen den Prozess des Lernens aus der Perspektive der Lernenden und weniger aus der Sicht der Lehrenden. HOLZKAMPs Theorie vernachlässigt die Gruppensituation und die Sicht des Individuums dominiert zu stark. Aus diesem Grund wird eine weitere Lerntheorie hinzugezogen, die von LAVE & WENGER. Sie beschreibt das „Lernen von und miteinander“ in „Communities of Practice“.

Die „subjektwissenschaftliche“ Lerntheorie

Der erste Lerntheoretische Ansatz ist der subjektwissenschaftliche von Holzkamp. Dieser Ansatz bietet einen Zugang zum Lernen der folgerichtig die Sicht der Lernenden und nicht die der Lehrenden in den Mittelpunkt stellt.

HOLZKAMPs Sicht auf die Lernenden ist von einem hohen sozialen Charakter geprägt. Um seine Lerntheorie besser verstehen zu können, ist es notwendig diese richtig einzuordnen. Die bekanntesten Lerntheorien sind die behavioristische, die kognitivistische und die konstruktivistische. Allen gemein ist der Versuch durch verschiedene Theorien und Thesen die Lernprozesse die in uns Menschen vorgehen, zu erklären und dafür Regeln aufzustellen.

Die behavioristische Lerntheorie benutzt das Stimulus-Response-System des Menschen auch besser bekannt als das Reiz-Reaktions-Schema. Diese Theorie erinnert stark an die klassische Konditionierung und an den bekannten Pawlow’schen Hund (GUDJONS, 2001, S. 213-219). Die kognitivistische Lerntheorie hingegen betrachtet die Denkvorgänge beim Lernenden. Sie versucht herauszufinden was in dem jeweiligen Individuum passiert und wie seine Denkstrukturen sich verändern. Die letzte Lerntheorie ist der konstruktivistische Ansatz. Dieser beschreibt eher die Handlungsorientierte Sicht des Lernens. Der Mensch konstruiert selbst sein Wissen. Im Rahmen einer Lerngruppe lernt also nur derjenige, der zu seinem vorhandenen Wissen etwas Neues hinzufügen kann. Für den Fall des Lehrens in gewöhnlichen Klassenräumen stellt dies natürlich eine große Herausforderung für den Lehrenden da. Er müsste die konkrete Situation jedes seiner Schüler erkennen, um dann individuell an dessen schon vorhandenes Wissenskonstrukt neue Erkenntnisse hinzuzufügen. Wie oben schon besprochen, passt dieser Ansatz zum „kollaborativen Lernen“, da dort auch das „Wissenkonstrukt“ am Ende des Lernprozesses steht.

HOLZKAMPs subjektwissenschaftliche Lerntheorie berücksichtigt, wie schon erwähnt, insbesondere die individuellen gesellschaftlichen Lebensverhältnisse des Lernenden. Bei ihm stehen die soziale und gesellschaftliche Vermitteltheit im Mittelpunkt. Er bestärkt die Tatsache, dass der Bezug zwischen Lernen und Handeln im gesellschaftlichen Kontext sehr eng sein muss. Das Lernen wird also von der Handlungsmotivation stark beeinflusst, d.h. wenn der Lernende auf eine Situation oder ein Problem stößt, für dessen Bewältigung sein momentanes Wissen nicht ausreicht, ist er durch die Erfahrung, dass Lernen und die damit verbundene Aneignung von Wissen ihm bessere Handlungsmöglichkeiten eröffnen, stärker motiviert zu Lernen. In diesem Sinn unterscheidet Holzkamp vier verschiedene Arten von Lernen:

  1. Inzidentales Lernen
  2. Intentionales Lernen
  3. Expansives Lernen
  4. Defensives Lernen

Inzidentales Lernen beschreibt lediglich das beiläufige Lernen. Das Intentionale Lernen beschreibt die Situation, in der der Lernende auf eine Handlungsproblematik trifft, zur dessen Bewältigung sein Wissen nicht genügt. Beim Expansiven Lernen ist der Lernende durch die Erfahrung, dass Wissen zu besseren Handlungsmöglichkeiten führt, motiviert mehr zu lernen. Defensives Lernen erfolgt nur, um Tadel oder sonstige Zurechtweisung zu vermeiden und nicht aus eigenem Anstoß.

Der Ansatz des situierten Lernens in „Communities of Practice“

Der Lerntheoretische Ansatz des situierten Lernens in Communities of Practice stammt von LAVE & WENGER. Er bezieht seinen Namen aus der „Situierung der Denk- und Lernvorgänge in der sozialen Praxis“ (ARNOLD 2003, 78). Soziale Praxis bedeutet hier, dass die Untersuchungen nicht im Umfeld eines Labors stattfinden, sondern dass es sich um eine authentische Problemsituation handelt, zu deren Lösung aktives Handeln erforderlich ist. Eines der wichtigsten Aspekte bei diesem lerntheoretischen Ansatz ist das Lernen von und mit anderen Lernenden. Das Lernen wird, eingebettet in die jeweilige Lernkultur untersucht. Um die Argumentation von LAVE & WENGER nachvollziehen zu können, ist es essentiell, den Begriff der Communities of Practice zu verstehen.

Communities of Practice kurz CoPs sind nach WENGER grundlegend selbst organisierte Systeme, die Wissen in lebendiger Form speichern. Laut HINKELMANN sind CoPs über einen längeren Zeitraum bestehende Personengruppen, die aus verschiedenen hierarchischen Ebenen und funktionalen Bereichen einer Organisation stammen. Communities of Practice bilden eine offene, weisungsunabhängige und sich organisch entwickelnde Gruppe. Die Mitglieder einer CoP nehmen immer auf freiwilliger Basis teil. CoPs divergieren hinsichtlich ihrer Größe, Lebensdauer, Verteiltheit (geographisch) und des Grades der Homogenität der Mitglieder. Sie sind Knotenpunkt für den Austausch und der Interpretation von Informationen. Die Mitglieder einer CoP nehmen also freiwillig an einem Projekt teil, wobei der Grad der Teilnahme je nach Erfahrung und Zeit, die schon in der Gruppe verbracht wurde, variieren. Bei dieser Form der Partizipation spricht man von der „legitimen peripheren Partizipation“. Es ist also nicht abträglich, wenn Novizen nur zu einem gewissen Grad an der CoP teilnehmen. Mit der Zeit steigert sich die Mitarbeit dieser Teilnehmer und am Ende des Lernprozesses steht die volle Partizipation.

Eine andere sehr wichtige Eigenschaft einer CoP ist das Lernen von und mit anderen Lernenden. Es herrscht folglich keine starke Asymmetrie hinsichtlich der Handlungskompetenz der Mitglieder, anders als in den tradierten Lerngefügen der Schule. Die Lernenden verfolgen alle dasselbe Ziel und arbeiten eng zusammen, um dieses zu erreichen.

Abschließend ist noch zu beiden lerntheoretischen Ansätzen zu sagen, dass ihnen die Betrachtung aus sozialer Sicht und die Forderung, Lernen unabhängig von Lehren zu untersuchen gemein sind. Mit dieser Forderung drängen beide Ansätze auf einen Perspektivenwechsel in der Forschung hin. Ein anderer wesentlicher Aspekt den beide Ansätze gemein haben, ist die Erhebung des Aktes des Handelns zu einem der wichtigsten Punkte in ihrer Argumentation.

CSCL - Eine Form des kooperativen Lernens

Es gibt eine Vielzahl verschiedener Ausprägungsformen von kooperativem Lernen. Diese reichen von einer Lerngemeinschaft, in der zwei oder mehrere Personen sich zum gemeinsamen Lernen treffen, über die schon erwähnten CoP’s, bis hin zu kooperativem Lernen im Internet. Kooperatives Lernen im Internet ist dem Begriff des kooperativen telematischen Lernens untergestellt, da telematisch die Computerunterstützung beschreibt. Kooperatives telematische Lernen wird wiederum im englischen als Computer Supported Collaborative Learning bezeichnet und mit dem Akronym CSCL abgekürzt. CSCL ist kein neuer Lehransatz, sondern lediglich eine Ausprägungsform kooperativer Lernmethoden, die sich der IuK-Technologien bedienen.

“Mit dem Begriff des CSCL werden Ansätze beschrieben die kooperatives Lernen (Lernen in Gruppen) durch den Einsatz von IuK-Technologien unterstützen“ (Wiki).

Die Forschungsprojekte zu CSCL stammen aus dem Bereich der Schule und erhielten erst später Einzug in die universitäre Bildung. Dies geschah aus der Motivation heraus, der größer werdenden Anzahl an Studenten durch das Arbeiten in Kleingruppen Herr zu werden. Mittlerweile gibt es an vielen Universitäten Online-Portale, die entweder selbst von der Institution zur Verfügung gestellt werden oder, wie im betrachteten Fall von Patricia ARNOLD, von einigen Studierenden im Rahmen eines Fernstudiums aufgebaut werden. Dabei variiert natürlich die Nutzungmöglichkeiten der einzelnen Portale und der Grad, mit dem die Portale von den Studierenden genutzt werden.

Mit Computer Supported Collaborative Learning wird nicht nur das Kommunizieren über das Internet beschrieben, sondern das kooperative Lösen eines Problems in der Gruppe unter zu Hilfenahme der gemeinsamen Ressourcen. Dabei kann diese Arbeit synchron oder asynchron verlaufen. Synchron sind z.B. Veranstaltungen via Videokonferenz oder die Kommunikation via Chat. Asynchron sind Übungen die Online behandelt werden, E-Mail oder Foren. Dies birgt den Vorteil, dass nicht alle Teilnehmer ständig gemeinsam Online sein müssen, um an einem Projekt zu arbeiten. Übungen können ins Internet gestellt werden und mehreren Personen zu unterschiedlichen Zeiten bearbeitet werden. In den Foren können Diskussionen stattfinden oder neue Lösungsvorschläge präsentiert werden.

Ziele des kooperativen internetbasierten Lernens

Im Folgenden werden die Ziele des kooperativen Lernens kurz aufgeführt:

  • Die Unterrichtsmethode des Problemorientierten fallbasierten Lernens soll durch Computerunterstützung effizienter werden
  • Kooperative Lernprozesse im Präsenzunterricht werden telematisch unterstützt
  • Die Lerngemeinschaft soll ein Instrument der Lernenden sein
  • Eine Lerngemeinschaft der Lernenden soll durch die neuen Technologien z.B. Einsatz von Konferenzsystemen gebildet werden.
  • Der Dialog zwischen den Teilnehmern der Lerngemeinschaft soll gefördert werden
  • Die Einflussnahme auf Lerninhalte und Methoden soll ermöglicht werden
  • Die Betreuung der Studierenden soll durch Teletutoring verbessert werden
  • Der Informations- und Wissensaustausch soll gefördert werden
  • Das Lernen als aktiver Prozess der Wissenskonstruktion angesehen
  • Unterstützung der Gruppenarbeit im Präsenzunterricht

Vor- und Nachteile

Die Vorteile des kooperativen telematischen Lernens überwiegen deutlich gegenüber den Nachteilen. Die sich ständig weiterentwickelnden Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglichen den Lern- und Lehrenden immer bessere Kooperations- und Kommunikationsmöglichkeiten. So wird der Austausch von Wissen und Information ebenfalls ständig verbessert. Wie oben schon erwähnt, muss die CSCL Gemeinschaft nicht ortsgebunden sein, d.h. dass die einzelnen Mitglieder der Lerngemeinschaft von verschiedenen geographischen Punkten aus synchron z.B. im Falle einer Videokonferenzschaltung im Rahmen einer Präsenzveranstaltung gekoppelt mit einer virtuellen Sitzung oder asynchron Lernen können. Sie sind also frei von zeitlichen und räumlichen Beschränkungen.

Ein weiterer großer Vorteil liegt in der Gruppe selbst begründet. Durch die verschiedenen kognitiven Modelle der sich in der Gruppe befindlichen Personen kann ein Problem aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Diese liefern dann wiederum verschiedene Lösungsvorschläge bzw. Lösungsansätze. Durch die Zusammenarbeit wird zusätzlich die Zugehörigkeit zur Gruppe gefördert und eine richtige Gemeinschaft entsteht, die über ein gemeinsames Repertoire an Werkzeugen, Artefakten, Vorgehensweisen und kollektivem Wissen verfügt. Die Möglichkeit der legitimen peripheren Partizipation bietet zudem Novizen die Möglichkeit, an der Lerngemeinschaft teilzunehmen, von ihr zu profitieren, ohne sich gleich in einem hohen Maß zu beteiligen. Mitglieder die sich erst später der Gruppe anschließen, finden schnell Anschluss aufgrund der archivierten Mitschrift.

Die Nachteile des kooperativen telematischen Lernens liegen darin begründet, dass sie von so vielen komplexen Faktoren abhängig ist. Es erfordert ein hohes Maß an technischem Wissen und Ausstattung, um eine solche Kommunikation, wie sie im Falle einer Online-Videokonferenz mit geographisch verteilten Studenten von Nöten ist, zu realisieren. Hinzu kommt das Problem der Partizipation. Es kann schwer sein, die einzelnen Teilnehmer eines Onlinekurses zu motivieren oder ihre individuellen Leistungen richtig einzuschätzen. Dies kann nur dann gewährleistet werden, wenn für jeden Teilnehmer eine gewisse Zahl an Beiträgen verbindlich ist.Dies erzeugt ein Gefühl des Zwanges, das im Gegensatz zu dem vom kollaborativen Lernen intendierten Gedanken steht. Das Handeln steht im Mittelpunkt des kollaborativen Lernens und sollte immer auf freiwilliger Basis geschehen. Intentionales Lernen anstatt defensivem Lernen. Dies macht deutlich, wie schwer es doch ist, in der Praxis die Asymmetrien in dem pädagogischen Verhältnis zwischen Lernenden und Lehrenden zu überwinden.

Beispiele aus der Praxis

In der Praxis gibt es zahlreiche Varianten des computergestützten kooperativen Lernens. Im Folgenden werden 3 Beispiele aus der Praxis vorgestellt. Das aus Kanada stammende Netwerk-System Computer Supported Intentional Learning Environment (CSILE), das überarbeitete Lehrer-Online-Netzwerk lo-net² und schließlich das von Patricia ARNOLD analysierte Studentennetzwerk im Rahmen eines Fernstudiums, genannt „FESA-Community“.

CSILE

CSILE bedeutet Computer Supported Intentional Learning Environments. Dies beschreibt eine computerunterstützte Lernumgebung in der intentionell gelernt wird. CSILE wurde in Kanada am Ontario Institute for Studies in Education zwischen 1986 und 1995 von Carl Bereiter und Marlene Scardamalia entwickelt. CSILE basiert auf einem lokalen Netzwerk das überwiegend an Schulen eingesetzt wurde. CSILE wurde entwickelt, um kollaboratives Lernen an Schulen zu fördern. Es gehört zu den Vorläufern der heutigen internetbasierten Kommunikations- und Lernplattformen. Ein gemeinsamer Wissenstand wurde mit Hilfe einer speziell entwickelten hypertextbasierten, vernetzten Lernumgebung erarbeitet. Es ermöglichte Schülern in einer Art Forum, Themen zu erstellen, über die anschließend diskutiert werden konnte, in dem andere Schüler darauf antworteten, ähnlich einem Peer-Review Verfahren. Einfache Links zu Bilder und Graphiken konnten erstellt werden. Durch den Dialog wurden die sprachlichen Fertigkeiten der Schüler verbessert sowie eine Gemeinschaft geformt.

Da das Internet zur Zeit der CSILE-Einführung nicht annähernd so weit verbreitet war wie heute, kamen die meisten Vorteile des heutigen kooperativen Lernens im Internet gar nicht zum tragen. In den modernen CSCL-Systemen gehören solche Funktionen zur Standardaustattung.

lo-net²

lo-net² ist die überarbeitete Version Plattform lo-net, die im nächsten Monat vom Netz genommen wird. lo-net² ist ein Projekt der „Schulen ans Netz e.V.“, die wiederum eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Deutschen Telekom AG ist. Um die Redaktion von lonet² zu zitieren:

„Bei lo-net² können bundesdeutsche Schulen und andere Bildungseinrichtungen ihre gesamte Institution in virtuellen Arbeitsräumen abbilden. Diese sind mit modernen und erprobten Werkzeugen des E-Learning ausgestattet. Die Spannweite der Einsatzmöglichkeiten von lo-net² reicht von Sekretariatsaufgaben der Schulorganisation bis hin zur eigentlichen pädagogischen Arbeit in virtuellen Klassenräumen und führt alle an Schule beteiligten Personen über das Internet zusammen. Lehrkräfte wie Lernende können sich in der eigenen Institution und darüber hinaus mit anderen Mitgliedern der Plattform vernetzen. [ ] lo-net² fördert das internetgestützte kooperative, vernetzte Arbeiten und unterstützt dabei kreative und schülerzentrierte Lehr- und Lernformen. Auch außerschulische Partner wie Eltern oder Ausbildungsunternehmen können in einfacher Weise in schulische Aktivitäten einbezogen werden.“

lo-net² bietet Lehrenden und Lernenden eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten. Das Angebot richtet sich ausschließlich an schulische Einrichtungen und Universitäten. Über einen „Schnupperzugang“ können Interessierte einen ersten Eindruck über die Möglichkeiten der Lernplattform gewinnen. Alle gängigen Funktionen der Kommunikation sind vorhanden:

  • Mailservice
  • Adressbuch
  • Kalender
  • Aufgabenbereich
  • Lernerfolgskontrolle
  • Dateiablage
  • Profil
  • Board für Lernende
  • Forum (für alle)
  • Umfragen
  • Schaufenster

Für Lehrer besteht fernerhin die Möglichkeit, mit ihren Schülern Gruppen zu bilden und über die Funktion „Netzwerke“, institutionsübergreifend anderen Gruppen beizutreten, um kooperativ an einer Problemstellung oder einem angebotenem Kurs zu arbeiten. Über die Dateiaustausch-Funktion können Schüler oder Studenten sich Lernmaterialien aus dem Netz herunterladen und sich schon zu Hause auf den Unterricht vorbereiten. Durch die Dateiablage ist garantiert, dass die Materialien jederzeit und für alle Teilnehmer über die gesamte Länge des Kurses verfügbar sind. Eine weitere Funktion bei lo-net² ist der „Hompagegenerator“. Lehrer können so eigene Homepages mit ihren Schülern kreieren und so ihre Projekte auf der lo-net² vorstellen und ihre Fortschritte dokumentieren.

lo-net² ist ein gutes Beispiel für internetbasierte Kommunikation und Kooperation in einer schülerzentrierten Umgebung. Mit über 3250 verschiedenen Institutionen, über 300 000 Lernenden und 18 000 Klassen 7 erfreut sich lo-net² großer Beliebtheit.

Die „FESA - Community“

Die Qualitativeanalyse von Patricia ARNOLD bezieht sich auf einen freiwilligen internetbasierten Zusammenschluss von Fernstudierenden im Rahmen eines Fernfachhochschulstudiums bei dem privaten Bildungsträger FESA, der unabhängig vom Studienanbieter entstand. Dieser Zusammenschluss von Studierenden wird von ihnen selbst als die „FESA – Community“ bezeichnet. Anfänglich nur aus vereinzelter E-mailbasierter Kommunikation einzelner Studierender heraus entstanden, wurde im Verlauf der Zeit ein netzwerkartiges, viele Studierende umfassendes System daraus. Im Mittelpunkt dieser Analyse stehen die Kooperation und Kommunikation über diese selbst organisierte Lernplattform, die Motivation der Studierenden, solch eine Community zu bilden, die Handlungsorientierung der einzelnen Mitglieder sowie die tatsächliche Situierung des Lernens. Die oben erwähnten Lerntheorien von HOLZKAMP und LAVE & WENGER bilden dabei den heuristischen Rahmen für ihre Untersuchung und die Grundlage für ein methodisches Untersuchungsdesign.

Da die „FESA – Community“ selbst organisiert wird und in Eigenregie der Studierenden entstand, kann an diesem Fall betrachtet werden, welche Motivation es für die Studierenden zum Kommunizieren und Kooperieren gibt und wie sich kooperatives internetbasiertes Lernen aus der Perspektive der Lernenden darstellt,da die Lehrperson völlig fehlt.

Die „FESA – Community“ entstand 1995 und hatte zu Beginn der Untersuchung im Zeitraum 2000/2001 eine Mitgliederzahl von 500 bis 800 Studierenden der Fachrichtungen Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik. Das Studienangebot der FESA wendet sich ausschließlich an Berufstätige, daher auch 90% telematische Seminare und nur 10% Präsenzveranstaltungen (Aufgaben werden per Post zugestellt). Die Basis der internetbasierten Kooperation und primärer Kommunikation ist ein Listserver, der von einigen Studierenden selbst gepflegt wird. Erwähnenswert ist an dieser Stelle die Tatsache, dass ein gebührenpflichtiger webbasierter Lernraum als Ergänzung zum Fernstudium von der FESA selbst angeboten wird, der jedoch von den Studierenden gemeinsam boykottiert wird.

Wie wird nun dieser Listserver als Kommunikations- und Kooperationsmittel benutzt? Da sich Studierende beider Fachrichtungen an der Gemeinschaft beteiligen kann hier von einer fachrichtungsübergreifender Partizipation gesprochen werden. Fernerhin wird die Plattform auch für Studienanfänger benutzt, um häufige Fragen in den FAQs nachzulesen oder sich wichtige Studientipps zu holen. Weiterhin werden Beiträge zu Präsenztreffen, Beruf, wichtigen Fachfragen und zur richtigen Studienorganisation diskutiert. Auch der Austausch von Seminarskripten oder Abschriften zur besseren Prüfungsvorbereitung wird über den Server vollzogen. Der Listserver verfügt über ein webbasiertes Archiv, in dem Dateisammlungen von Mitschriften, Prüfungsunterlagen und Seminarskripten, sowie Links zu studienbezogenen Ressourcen, abgespeichert werden können. Auch die regionalen Treffen der Studierenden außerhalb der Präsenztreffen, die so genannten „Stammtische“, die den oft rein telematischen Bezug des Studiums ergänzen, werden über den Server organisiert.

Alle oben erwähnte Punkte helfen den Studierenden, sich besser in ihrem Studium zurechtzufinden. Daraus lässt sich auch ihre Motivation ableiten, eine solche Gemeinschaft zu bilden. Wichtige Fragen werden immer beantwortet. Hinsichtlich der Handlungsorientierung gibt es große Unterschiede. Viele Studenten verfolgen hier das Minimalprinzip, und die „lurker“ und Studierende, die das Prinzip der legitimen peripheren Partizipation verfolgen, bilden die Mehrheit der „FESA – Community“.

Dabei kann man 3 Ebenen der Teilnahme unterscheiden. Die Erste ist die legitime periphere Partizipation, bei der der jeweilige Student die Beiträge passiv mitverfolgt und einen Nutzen daraus zieht, ohne sich aktiv zu beteiligen. Die zweite Ebene ist die aktive Teilnahme am Geschehen, eigene Beiträge werden verfasst und eigene Information geliefert. Die höchste Ebene ist die der gestaltenden Teilhabe. In dieser Ebene befinden sich die Administratoren der Gemeinschaft. Hier werden neue Ressourcen und Werkzeuge für die Plattform entwickelt, Wartungsarbeiten werden durchgeführt, zusätzliche Diskussionsforen aufgebaut und eigene Homepages mit umfangreichen, studienrelevanten Zusatzinformationen erstellt.

Die „FESA-Community“ weist typische Eigenschaften einer CoP auf und ist ein gutes Beispiel für CSCL. Dennoch steht die Frage nach dem tatsächlichen Vorgang des Lernens noch im Raum. Viele der Studierenden lehnten Lerngruppen ab, da sie es vorzogen, individuell zu arbeiten und die Lerngruppen im Gegensatz zur Idee des Fernstudiums stehen. Da die meisten im Beruf stehen und die Zeiträume, die dem Lernen gewidmet werden, sich an den Arbeitszeiten der Studierenden richten, sind diese relativ unflexibel bezüglich zusätzlicher Arbeit in Gruppen zu festen Terminen. Das Bedürfnis örtlich und zeitlich unabhängig zu sein, kollidiert mit dem Koordinationsaufwand für kooperative Projekte in Gruppen. Das Lernen, das in der „FESA-Community“ stattfindet ist eher eine Reflexion über Studienstrategien und eine Beratung von Studienanfängern. Die Tatsache, dass Seminaraufgaben erledigt werden und dann ins Netz gestellt werden, damit alle Zugriff darauf haben, ist eher nicht wünschenswert und dem Lernen an sich abträglich.

Der Moment des Lernens eigentlich bei der „FESA-Community“ zu kurz kommt, da diese eher als eine Orientierungshilfe im Studium dient. Wo finde ich was am schnellsten? Was muss ich tun, um schneller fertig zu werden? Die fortgeschrittenen Studierenden können nützliche Tipps zum Studium geben, aber der Moment des gemeinsamen Lernens, an dessen Ende alle Beteiligten ihrem bisherigen Wissensstand etwas Neues zufügen können, fehlt. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder sind „lurker“ die das System nur als Prüfungsvorbereitung nutzen und damit defensives Lernen praktizieren.

Ausblick und Fazit

Die ersten Lernprogramme am PC reichen wohl bis in die achtziger Jahre zurück, als die ersten Heimcomputer entstanden. Seit diesen Anfängen hat sich das computerbasierte Lernen sehr viel weiter entwickelt. Durch die Weiterentwicklung des Internets kam eine erweiterte Komponente hinzu, welche großen Potentiale für das Lernen mit dem Computer barg. Die Möglichkeiten sind heute zwar noch nicht unbegrenzt, wie in der Literatur immerzu bemerkt wird, aber man kann sie sich didaktisch sehr zunutze machen. Es gibt zahlreiche Institutionen, die Online-Kurse anbieten, um verschiedene Studiengänge oder Ausbildungen zu absolvieren oder, um Sprachen zu lernen. Sogar die Möglichkeit, Seminare live im Internet zu verfolgen, ist gegeben. An vielen Universitäten werden im Rahmen der Vorlesungen Videokonferenzschaltungen angeboten, die noch vor ein paar Jahren wegen der hohen Bandbreite, die dazu erforderlich war, so nicht möglich waren.

Die vorgestellten internetbasierten Lernplattformen sind nur ein Bruchteil der existenten kooperativen Lernsysteme weltweit. Die Anforderungen, die an ein kooperatives Lernsystem im Internet gestellt werden, sind hoch. Es müsste die multimedialen Lehrinhalte darstellen können, interaktives arbeiten mit dem System ermöglichen, an die Bedürfnisse und den jeweiligen Wissenstand der Lernenden angepasst sein und deren Fortschritt dokumentieren. Von den vorgestellten Lernplattformen ist die lo-net² Lernplattform die effizienteste und sie erfüllt eine Vielzahl der Anforderungen.

Es wird oft moniert, dass an herkömmlichen Bildungsinstitutionen die Sicht der Lehrer zu sehr dominiert und der Unterricht nicht schülerzentriert ist. In vielen Klassen werden oft Projektgruppen gebildet, um kooperativ an einer Fragestellung zu arbeiten, diese halten sich bezüglich der Größe jedoch in Grenzen. Damit zwei Klassen kooperativ über das Internet an einem Problem arbeiten können, erfordert es auch ein hohes technisches Verständnis des Lehrenden. Es ist nicht abzusehen, dass der traditionelle Frontalunterricht in nächster Zukunft abgelöst wird. Vielmehr kann man nur an die Lehrenden appellieren, sich mit den neuen technischen Möglichkeiten vertraut zu machen, sie zu nutzen und sie immer mehr in den Unterricht mit einfließen zu lassen.

Deshalb bleibt abschließend zu sagen, dass das rein virtuelle Klassenzimmer bzw. der Hörsaal, in dem das Unterrichtsmaterial per Videokonferenz vermittelt wird, in dem in kleinen Gruppen kooperativ gearbeitet wird oder institutsübergreifend, in dem nur inzidental gelernt wird und jeder Teilnehmer sich selbst mit einbringt und all dies von den Studierenden selbst organisiert wird, erst in ferner Zukunft zu realisieren ist.

Quellen

  • Arnold, Patricia: Kooperatives Lernen im Internet –Qualitative Analyse einer Community of Practice im Fernstudium. Münster: Waxmann Verlag GmbH, 2003.
  • Edelmann, W.: Lernpsychologie. Begriffsbildung und Wissenserwerb, Weinheim und Basel: BeltzPVU, 2000.
  • GUDJONS, HERBERT: Pädagogisches Grundwissen, Bad Heilbrunn/Obb, 2001.
  • Reinmann-Rothmeier, G. & Mandl, H.: Analyse und Förderung kooperativen Lernens in netzbasierten Umgebungen. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 34, 44-57, 2002.
  • Teufel, Stephanie; Sauter, Christian; Mühlherr, Thomas; Bauknecht, Kurt: Computerunterstützung für die Gruppenarbeit. Addison-Wesley: Bonn, 1995.
  • ITCOLE (Innovative Technology for Collaborative Learning and Knowledge Building (ITCOLE). Online verfügber unter: http://www.ub.es/euelearning/delphi/docs-htm/itcole/index.htm
  • http://www.lo-net2.de/. Das Lehrer-Online Netz. Ein Projekt der „Schulen ans Netz e.V.“ und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
  • http://www.labusch.de/studienarbeit/studienarbeit.html Studienarbeit von Frank Hohenschuh und Birgit Labusch an der Universität Hamburg Entwicklung eines Annotations-Systems zur Unterstützung von Projektarbeit im WWW,1998.

(letzter Zugriff auf Webquellen am 20.04.2011).

DefinitionUnter "kooperatives Lernen im Internet" versteht man das Lernen in Gruppen von zwei oder mehreren Personen unter Zuhilfenahme des Mediums Internet. +