Klassifikation

Aus InfoWissWiki - Das Wiki der Informationswissenschaft
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Klassifikation ist neben dem Thesaurus eine der beiden Dokumentationssprachen, mit denen Objekte inhaltlich beschrieben werden können. Unter "Klassifikation" kann man aber dreierlei verstehen: den Prozess der Klassenbildung bei der Erstellung eines Klassifikationssystems, das Ergebnis dieses Prozesses - die eigentliche Klassifikation - und den Prozess der Zuordnung von Objekten zu Klassen dieses Systems (= Klassieren).

Begriffsklärung

Klassifikation kommt aus dem lateinischen "classis": Abteilung und "facere": machen", bedeutet also wörtlich: das Bilden ("Machen") von Klassen.

Definitionen und Beispiele

Die Klassifikation ist eine systematische Zuordnung von Gegenständen oder Sachverhalten in vorher festgelegte Gruppen oder Fächer nach dem so genannten natürlichen Ordnungsprinzip: Jedes Ding bzw. jeder Sachverhalt an seinen Platz. So folgt laut Gaus schon die Einteilung der Kleidung im Kleiderschrank - wenn dieser denn geordnet ist - dem Prinzip der Klassifikation.

Anders ausgedrückt ist die Klassifikation eine systematische Einteilung oder Einordnung von Begriffen, Gegenständen, Erscheinungen u. a. in Klassen (Gruppen) und Unterklassen (Untergruppen) usw., die jeweils durch bestimmte Merkmale charakterisiert sind.
Ein gern verwendetes Beispiel ist hier die Aufstellung der Bücher in einer Freihand-Bibliothek, die nach verschiedenen Themengebieten (Klassen), wie Sachbuch, Belletristik oder Comic eingeteilt ist.

Bei der Klassifikation ginge es darum, fassen Kiel und Rost zusammen, ein Wissensgebiet abstrakt so in Gruppen (=Klassen) zu strukturieren, dass alle Gegenstände, die (nach den Vorstellungen desjenigen, der diese Klassifikation erstellt) zu diesem Wissensbereich gehören, nach bestimmten Merkmalen und Regeln eindeutig in die entsprechend vorgesehenen Klassen eingeordnet werden können. (vgl. Kiel/Rost S. 67)

Verschiedene Bedeutungen des Begriffs Klassifikation

Im Allgemeinen wird der Begriff Klassifikation, wie schon gesagt, als das Einteilen von Merkmalen verstanden. Er steht aber auch für die Lehre und das Gebiet der Klassifikation sowie das Ergebnis des Klassenbildungsprozesses (Klassifikationssystem). Klassifikation steht weiterhin auch für den Prozess der Erarbeitung eines Systems (Klassenbildung) und schließlich für das Zuordnen von Objekten und Klassen des Klassifikationssystems (Klassieren auch Klassifizieren).

Notation

Eine Notation im Klassifikationssystem ist eine, nach bestimmten Regeln gebildete, Zeichenfolge, die eine Klasse, einen Begriff oder eine Begriffskombination repräsentiert und deren Stellung im systematischen Zusammenhang abbildet (Kiel/Rost S. 68).
Die Notation zeigt also an, worum es sich bei dem notierten Sachverhalt handelt und wo dieser Sachverhalt im System steht bzw. zu finden ist.

Beispiel aus der Internationalen Patentklassifikation:

Knopflöcher/Ösen für Knopflöcher: A 41 F 1 / 04

A Sektion A - Täglicher Lebensbedarf

41 - Bekleidung
F - Kleiderverschlüsse / Kleiderhalter
1 - Verschlussvorrichtungen, die in besonderer Weise für Kleidungsstücke ausgebildet sind
04 - Knöpflöcher / Ösen für Knopflöcher

Aufgaben der Notation

Eine brauchbare Notation sollte semantisch sein und die Begriffsstruktur ihres Begriffssystems widerspiegeln. Sie soll bestimmten Regeln, ähnlich der Grammatik einer Sprache, folgen, so dass sie als Ersatz für die Verbalform einer Sprache verwendet werden kann. Außerdem sollte die Notation Verknüpfung(en) zu Kombinationsbegriffen gestatten, wobei die Verknüpfung in der Notation erkennbar bleiben muss (vgl. Dahlberg S. 117).

Vorteile durch Notation

Die Notation vereinfacht das Retrieval, da die Notation des Oberbegriffs im Allgemeinen ausreicht, um auch alle anderen, für die Suchanfrage relevanten, Wissensquellen aufzufinden. Sie erleichtert die Bedeutungsklärung von Fachausdrücken und erreicht somit eine Ballastvermeidung beim Retrieval.
Scheinbare Verwandtschaftsbeziehungen werden vermieden. Z.B. bei der Suche über Notationen nach dem Edelmetall Gold werden scheinbar verwandte Begriffe, wie Goldfisch oder Goldregen (Pflanze) ausgeschlossen.

Hierarchiegefüge innerhalb von Klassifikationen

Klassifikationen sind meist hierarchisch geordnet, hier ist zwischen Mono- und Polyhierarchie zu unterscheiden.

Monohierarchie

Begriffe haben einen gemeinsamen Oberbegriff und unterscheiden sich nur durch ein Merkmal. Im optimalen Fall haben klassifizierte Objekte identische Eigenschaften und nur ein differenziertes Merkmal.

Dies lässt sich in einer Grafik verdeutlichen:

Monohierarchie.gif

Polyhierarchie:

Hier kann jede Klasse aufgrund der Berücksichtigung mehrerer Merkmale zwei und mehr übergeordneten Klassen zugeteilt werden.

Grafisch lässt sich das beispielsweise so darstellen::

Polyhierarchie.gif

Zusammenfassung zur Hierarchie

Hierarchische Strukturen sollten monohierarchisch dargestellt werden, soweit es sich mit der tatsächlichen hierarchischen Struktur vereinbaren lässt und wenn besonderer Wert auf leichte Handhabbarkeit und Übersichtlichkeit der Ordnungssystems gelegt werden muss. Polyhierarchische Darstellungen sollten dort verwendet werden, wo der Sachverhalt dies erfordert und die Handhabung und Benutzung des Ordnungssystems dies zulässt. (Gaus S. 372)

Aufgaben einer Klassifikation

Eine Klassifikation dient vielerlei Zwecken. Beispielsweise kann ein Mensch nicht sämtliche, für ihn relevante, Literatur einsehen. Daher ist eine Klassifikation ein wichtiges Hilfsmittel des Erkenntnisgewinns, weil sie Übersichtlichkeit herstellt. Sie bietet Hilfe zur Zeitersparnis und führt sinnvoll zu Weltwissen über einheitliche Begriffe. Sie erzeugt einen Mehrwert der in ihr enthaltenen Information, die ungeordnet wenig bis keinen Sinn ergibt. So wäre z. B. eine ungeordnete Sammlung von mehreren tausend Büchern für einen Informationssuchenden ziemlich wertlos. Ist sie aber nach den Regeln der Klassifikation geordnet, bietet sie ihm alle oben genannten Vorteile.

Klassifikationserarbeitung

Stufen

  1. Stufe: Problem des Motivs, Bedarfs und des Ziels
    Hier wird erörtert, für welchen Bereich und zu welchem Zweck das System erstellt werden soll und ob es schon eine Klassifikation zu diesem Sachverhalt gibt.
  2. Stufe: Problem der Erstreckung sowie der Abgrenzung von System und Umwelt
    Diejenigen Sachverhalte, die zur Klassifikation gehören, sollen von denen, die nicht dazugehören, eindeutig abgegrenzt werden.
  3. Stufe: Problem der gleichmäßigen Ausdifferenzierung des Systems und der Benennungen
    Es sollen nicht 90 Prozent in eine Klasse eingeteilt werden und die restlichen 10 Prozent auf die übrigen verteilt werden. Außerdem sollen die Klassen so benannt werden, dass auch andere mit der Benennung zurechtkommen
  4. Stufe: Problem der Trennschärfe in Bezug auf Klassengrenzen und Intersubjektivität
    Die Kriterien der Klasseneinteilung sollen trennscharf und für andere nachvollziehbar sein.
  5. Stufe: Problem der Praktikabilität und der Anpassung
    Schließlich soll das System anpassungsfähig und erweiterbar sein und sich in der Praxis bewähren.

(vgl. Kiel/Rost S. 72f)

Voraussetzungen

Ein Klassifikationssystem sollte Kontinuität aufweisen, also möglichst lange ohne Veränderungen nutzbar sein. Des Weiteren ist Universalität, also die Möglichkeit alle Objekte in ein Fachgebiet einordnen zu können, ein notwendiges Kriterium für ein Klassifikationssystem. Außerdem sollte hier auch die Aktualität berücksichtigt werden, das heißt das System sollte neue Erkenntnisse berücksichtigen können.

Probleme

Die Prinzipien zur Einteilung müssen einheitlich und optimiert sein. Doch die Einteilung erfolgt immer nach dem subjektiven Empfinden desjenigen, der die Einteilung vornimmt. Das bedeutet auch, dass Klassifikationen mathematisch nicht eindeutig sind. Die Anzahl der Klassen sollte einerseits möglichst groß sein um eine detaillierte inhaltliche Erschließung sicherzustellen, andererseits sollte sie aber auch möglichst klein sein um Übersichtlichkeit zu wahren.

Beispiele für Klassifikationen

Die Internationale Patentklassifikation (IPC)

Diese Klassifikation dient weltweit einheitlich zur Klassifikation der Schwerpunkte oder der wichtigsten Bestandteile von Erfindungen. Damit fällt ihr große weltweite und wirtschaftliche Bedeutung zu. Die entsprechenden alphanumerischen Notationen werden auf der jeweiligen Patentschrift abgedruckt.
Ihren Anfang hatte die IPC 1954; seit 1972 findet sie allgemeine Anwendung. Zur Zeit hat die IPC ca. 70 000 Unterabteilungen. Sie wird in mehrere Sprachen übersetzt; offizielle Versionen sind in englischer und französischer Sprache. Eine Revision erfolgt in etwa alle fünf Jahre.

Deutsche Seite der Internationalen Patentklassifikation

Englische Version der Internationalen Patentklassifikation

Die Dezimalklassifikation

Die heute existierenden Versionen der Dezimalklassifikation wurden initiiert von dem Amerikaner Melvil Dewey, der 1876 die erste Ausgabe seiner Dewey Decimal Classification vorstellte. Daraus ist im europäischen Raum die Universale Dezimalklassifikation (UDK oder UDC) hervorgegangen. Bis 1960 war sie das verbindliche Ordnungssystem für Literatur in Bibliotheken von über 50 Ländern. Die UDC ist mit der Absicht konzipiert, das gesamte materialisierte Wissen der Menschheit geordnet repräsentieren zu können.

Sie besteht aus zehn Hauptabteilungen, die wiederum in zehn Unterabteilungen klassifiziert sind. Sie folgt der Monohierarchie vom Allgemeinen zum Besonderen. Sie enthält aber auch eine facettenartige Komponente durch sogenannte "Hilfstafeln". So können bestimmte Begriffe mit Hilfe von festgelegten Symbolen an die Begriffe der Haupttafeln angehängt werden. Beispielsweise hat ein Ort das Symbol ( ). So steht zum Beispiel die Notation 622.33 (493) für den Kohlebergbau in Belgien. Die Sprache hat das Symbol =. So steht die Notation 860=20 für Spanische Literatur in Englisch.

Vorteil: Die langjährige weite Verbreitung macht es möglich, weltweit Literatur unter der gleichen Notation zu suchen. Sie ist übersichtlich, gut erweiterbar und revisionsoffen.

Nachteil: Die Aufteilung der Klassen folgt einer völlig veralteten Wissenschaftsstruktur. Außerdem sind die Klassen sehr ungleichmäßig besetzt; so befinden sich viele Sachverhalte in Klasse fünf: Mathematik/ Naturwissenschaften, wohingegen die Klasse vier teils gar nicht besetzt ist.

In den letzten Jahren wurde auch eine deutsche Version der Dewey-Dezimalklassifikation entwickelt: Deutsche Seite der Dewey-Dezimalklassifikation.

Literatur

  • Dahlberg, Ingetraut (1974): Grundlagen universaler Wissensordnung. Probleme und Möglichkeiten eines universalen Klassifikationssystems des Wissens. Pullach: Verl. Dokumentation
  • Gaus, W. (1995): Dokumentations- und Ordnungslehre. Theorie und Praxis des Information Retrieval. Berlin, Heidelberg, New York: Springer
  • Herrmann, Peter (1973): Informationsrecherchesysteme. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut
  • Kiel, Ewald; Rost, Friedrich (2002): Einführung in die Wissensorganisation. Grundlegende Probleme und Begriffe. Würzburg: Ergon Verlag
  • Manecke, H.-J. (2004): Klassifikation, Klassieren. In: Kuhlen, R., Seeger, T. & Strauch, D. (Hrsg.). Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. München: Saur

Online Quellen

Verwandte Begriffe